Jahrgang 2017
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„Der Kern der Story funktioniert auch in Deutschland”
In diesen Wochen läuft der Film „Teheran Tabu” in den deutschen Kinos an. Der bereits jetzt vielfach ausgezeichnete und bei 42 Filmfestivals umjubelte Streifen entstand unter der Regie des in Brühl lebenden Regisseurs Ali Soozandeh.

Seine Premiere feierte der im Rotoskopie-Verfahren gedrehte Animationsfilm in Cannes. Das sozialkritische Drama bricht mit Tabus und geht offen mit Themen wie Doppelmoral, Unterdrückung, Sex, Drogen, Korruption und Prostitution um. Die vier Protagonisten – drei Frauen und ein Mann – suchen in der iranischen Metropole nach Freiheit und Glück. „Einen solchen Film hätte ich in meiner Heimat gar nicht realisieren können“, sagt der 47-jährige Filmemacher.

BBB: Herr Soozandeh, was hat Sie motiviert, „Teherean Tabu” zu drehen?
Ali Soozandeh:
Ich bin im Iran aufgewachsen. Dort gehören Einschränkungen zum Alltag. Mir schwirrten viele Fragen im Kopf herum. Das Filmprojekt ist der Versuch, Antworten zu geben. Es betrifft nicht speziell die iranische Gesellschaft. Solche Gesellschaftsstrukturen gibt es auch in anderen Ländern. Das habe ich aus dem Feedback erfahren, das ich aus Ländern in Asien oder auch Süd- und Mittelamerika bekommen habe. Der Kern der Story funktioniert auch in Deutschland, wo es Parallelgesellschaften gibt, in denen sozialkritische Themen wie Ehrenmorde und Jungfräulichkeitsoperationen existieren. Es ist ein Tabu über solche Probleme zu reden. Die Charaktere im Film stehen für Millionen Menschen in vergleichbaren Situationen.

BBB: Erzählen Sie etwas zur Entstehungsgeschichte des Films. Worin bestanden die besonderen Herausforderungen?
Soozandeh: Der Film war mein bisher größtes Projekt und wurde in zwei Etappen hergestellt. Wir haben erst mit den Schauspielern und der Crew an 27 Drehtagen in Wien vor einem Greenscreen gedreht und dann in der zweiten Stufe die Hintergründe der Stadt Teheran eingebaut, die wir nach Originalvorbildern kreiert hatten. Bei dem Film war ich Drehbuch-Co-Autor, Regisseur und Art Director. Ich habe zwei, drei Vollzeitjobs gleichzeitig gemacht. Jeden Tag waren viele Entscheidungen zu treffen. Man trägt eine enorme Verantwortung. Der Film kostete 1,9 Millionen Euro und wurde überwiegend durch das ZDF und Arte öffentlich-rechtlich finanziert. Damit war er der teuerste Erstling eines Regisseurs der deutschen Filmgeschichte. Für einen Animationsfilm ist es aber eher eine Low-Budget-Produktion.

BBB: Wie waren die Reaktionen auf den Film?
Soozandeh: Der Film läuft seit einigen Wochen in Frankreich. Deutschland, Österreich und die Schweiz folgen in diesen Tagen. Im Februar kommt er in den USA in die Kinos. Zuvor war er bereits auf 42 Filmfestivals weltweit zu sehen. Er hat schon einige Preise gewonnen, wir hatten auch eine sehr gute Presse. Ich gebe schon seit einigen Monaten Interviews, in Deutschland, in Los Angeles und an vielen Orten auf der Welt. Im Dezember wird „Teheran Tabu” auch im Brühler ZOOM?Kino und in Köln gezeigt. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. In patriarchischen Gesellschaften fühlen sich viele Leute durch den Film beleidigt. In solchen Gesellschaften regt sich Widerstand, denn keiner will Macht abgeben. Auf der anderen Seite ist Teheran in manchen Dingen moderner als europäische Städte, es gibt auch sehr großen Reichtum.

BBB: Sie leben seit 1995 in Deutschland. Wie kamen Sie dazu, sich auf Animationen zu spezialisieren?
Soozandeh: Ich bin 1995 nach Deutschland gekommen und habe zunächst in Hannover und dann an der Technischen Hochschule in Köln studiert. In Köln war das Studium deutlich praxisorientierter. Ich habe beim WDR ein Praktikum gemacht und als Student viele Nebenjobs gehabt, in denen ich ganz viele Tätigkeiten rund um den Film ausüben durfte und als Cutter oder Kameramann Erfahrungen sammeln konnte. Auf diese Weise habe ich unheimlich viel gelernt und mir ein Netzwerk aufbauen können. Bei meinen ersten Projekten habe ich auch noch als Zeichner gearbeitet. Aber das schaffe ich heute nicht mehr. Meine Filmkarriere begann dann in den Jahren 2007 und 2008. Ich habe bei vielen öffentlich-rechtlichen Projekten und Dokumentationen mitgearbeitet und Animationen beigesteuert, wenn Bildmaterial fehlte. Das sind spannende Projekte, weil man dann viel Freiraum für die eigene Fantasie bekommt.

BBB: Warum ziehen Sie das Leben in einer Kleinstadt wie Brühl dem in einer Metropole wie Köln vor?
Soozandeh: Ich lebe seit elf Jahren mit meiner Familie in Brühl-Kierberg. Vorher habe ich mit meiner Frau in Köln am Chlodwigplatz gewohnt. Das war ideal für ein kinderloses Paar. Aber mit drei Kindern wurde es zu eng. Wir haben uns dann im Umfeld von Köln umgeschaut. In Brühl hat es uns sofort gefallen. Die Stadt hat ein eigenes Zentrum, ein schönes Ambiente, kleine Gassen und Läden.