Jahrgang 2018
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„Wir machen das demokratischste Musikprojekt aller Zeiten”

Die Kunst- und Musikschule der Stadt Brühl, kurz KuMS, feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass finden eine Reihe von außergewöhnlichen Veranstaltungen statt, bevor im Spätsommer der offizielle Festakt steigt. Am 8. und 9. Juni gibt es direkt aufeinander zwei absolute Highlights.

Den Anfang macht am 8. Juni um 18 Uhr „Big Relief”, eine 24-Stunden-Non-Stop-Blues-Veranstaltung in der KuMS, Liblarer Straße 12-14. Direkt im Anschluss folgt das traditionsreiche „Sommerliche Musikfest” am 9. Juni ab 19 Uhr in der Hochschule des Bundes. Der Brühler Bilderbogen hat sich mit Matthias Petzold und Andi Reisner, den Machern von „Big Relief”, getroffen.

„24 Hours of Blues” wird es geben, 24 Stunden Blues ohne Unterbrechung. Die Idee zu diesem spannenden Projekt entstand eher zufällig bei einer Probe. „Bei uns gilt die Regel, dass ich einen Solisten nicht unterbreche”, erzählt Matthias Petzold, der an der KuMS Saxophon unterrichtet. „Wir hatten einen Schüler, der nicht sicher war, wie lange sein Solo dauern sollte. Da habe ich zu ihm gesagt: Du kannst spielen so lange Du willst, auch 24 Stunden lang.” Aus dieser Bemerkung entwickelte sich dann eine Idee. Warum eigentlich nicht einmal ein Konzert veranstalten, das in fließend wechselnden Besetzungen 24 Stunden am Stück Blues spielt?

„Während also unser blauer Planet einmal um seine eigene Achse kreist, wird ununterbrochen die Musik zum Klingen gebracht, die wie keine andere Trauer und Lebenskraft, Schönheit und Brüchigkeit, Leidenschaft und Geduld verkörpert. Das ganze Leben in zwölf Takten”, heißt es schön und treffend im Veranstaltungsflyer. Das Besondere ist, dass bei diesem einmaligen Ereignis jeder teilnehmen kann, ganz egal, ob Schüler, Amateurmusiker oder Profi.

„Der Blues kann einfach oder komplex sein. Er kann aus schlichten Riffs oder aus virtuosen Improvisationen bestehen. Jeder Beitrag ist erwünscht, jede Form von individuellem Stil trägt zum Gelingen bei”, sagt Matthias Petzold, der sich zusammen mit Andi Reisner, Thomas Müller, Susanne Riemer, Frank Dulisch und Jan Schreiner um die Realisierung kümmert.

„Der Blues funktioniert überall”
„Die Idee kam sehr gut an. Wir hatten schnell viele Anmeldungen und haben nun ein paar Wochen vor dem großen Ereignis den Zeitplan fast komplett”, berichtet Profi-Gitarrist Andi Reisner. „Die Zeit zwischen 3 und 6 Uhr morgens ging schnell weg, es gibt noch einen Engpass zwischen 6 und 8 Uhr früh.” Den Musikern bleibt dann überlassen, was gespielt wird, so lange es sich in den zwölf Takten des Blues bewegt. „Insofern sind wir das demokratischste Musikprojekt aller Zeiten”, lacht Matthias Petzold. „Der Blues funktioniert in Tokio, Moskau, Rio. Er ist die musikalische Weltsprache und ein Beispiel, in dem die Globalisierung einmal gut funktioniert hat.”
Die 24 Stunden in Brühl werden in 32 Einheiten à 45 Minuten aufgeteilt. „Es funktioniert wie ein Fußballspiel, das nicht abgepfiffen wird oder ein Staffellauf”, erklärt Andi Reisner. Es geht immer weiter. Zwischen den Einheiten gibt es einen fließenden Übergang, die nächste „Schicht” begleitet die vorhergehende noch für eine kurze Zeit, bevor sie komplett übernimmt. Pro Einheit spielen ein bis zehn Musiker, eine Ausnahme bilden die Slappsticker, die im Dutzend aufspielen werden. „Es können sich sowohl einzelne Musiker als auch bestehende Bands anmelden. Teilnahmen an mehreren Einheiten sind auch möglich und sogar erwünscht”, sagt Andi Reisner.
Am Wochenende vor dem großen Event gibt es einen vorbereitenden Workshop für alle teilnehmenden Musiker und Sänger. Es wird eine offene Veranstaltung und viel Zeit zum Ausprobieren geben. „45 Minuten durchzuspielen, ist eine Herausforderung”, meint Matthias Petzold. „Nach fünf Minuten wird es anstrengend, nach zehn meint man, dass es jetzt geht. Und nach 45 Minuten hat man das Gefühl, dass es ruhig noch weitergehen könnte.”



„Jeder hat einen anderen Stil”
Am liebsten würden sich Matthias Petzold, Andi Reisner und die anderen Dozenten alle Beiträge des „Big Relief” anhören. Aber das dürfte schwierig werden. Und eine Tonaufnahme von den verpassten Stücken zu hören, wäre auch kein Ersatz. „Man muss sich das schon live anhören und auch die optischen Eindrücke genießen”, meint Andi Reisner. Auch er ist wie alle Teilnhemer vom Blues fasziniert. „Jeder kann etwas zum Projekt beitragen. Jeder hat einen anderen Stil. Man hört zwar das Gleiche, aber immer wieder neu und frisch”, sagt er.
Andi Reisner ist nicht nur Dozent an der KuMS, sondern auch ein gefragter Komponist, Arrangeur und Besitzer eines Tonstudios. Zu vielen deutschen und internationalen Spielfilmen wie „Vier Minuten”, „Ostwind”, „Wilde Hühner”, „Drei Fragezeichen” oder „Krabat” steuerte er den Soundtrack oder musikalische und tontechnische Elemente bei. Freunde bezeichnen ihn auch anerkennend als „Sound-Junkie”.



KuMS-Motto:?„Wir feiern Geburtstag”
Matthias Petzold spielt in diversen Bands, u.a. in seiner eigenen Band „Hochhäuser”, und ist seit über 20 Jahren bei der KuMS. Der Jazzmusiker unterrichtet Saxophon und leitet zwei Combos: die „Blechlawine” und die „Jazz Aliens”. Der 54-Jährige komponiert auch für eigene Bands und Projekte und hat dabei Stücke für unterschiedliche Besetzungen vom Trio über Jazz-Septett bis hin zu Big Band und Sinfonieorchester geschrieben. Stilistisch geht seine Musik vom modernen Mainstream-Jazz aus und verarbeitet dabei Einflüsse grooveorientierter Musik aus unterschiedlichen Quellen.
Zusammen werden Matthias Petzold und Andi Reisner das Event am 8. Juni eröffnen und nach fünf bis zehn Minuten übergeben. Sie wollen in den 24 Stunden auch immer mal wieder mitmischen und das Programm genießen. Die Veranstaltung, die im Rahmen des „Brühler Sommer” läuft und auch unter dem KuMS-Motto „Wir feiern Geburtstag” steht, steigt in Raum 108, dem großen Unterrichtsraum der KuMS. Es soll eine Party werden, die sich auch über das Treppenhaus und weitere Bereiche der KuMS erstreckt. „Alle Interessierten sind eingeladen, als Zuhörer zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Weile dabei zu sein, eventuell ein Getränk zu sich zu nehmen und die Musik zu genießen”, lädt Matthias Petzold ein. Der Eintritt ist frei, über Spenden würde sich die KuMS sehr freuen.

Weitere Informationen über das genaue Programm, den Ablauf und auch die Modalitäten der Anmeldung gibt es unter: www.bigrelief.kums-bruehl.de.


Tobias Gonscherowski