Jahrgang 2018
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„Manchmal kommunizieren wir nur über die Leinwand”
„Zwei Künstlerinnen – ein Schaffensprozess” ist der Titel der Ausstellung, die noch bis Ende Juni im Atelier von Christine Wagner in Brühl-Schwadorf, Lindenstraße 16, zu seheh ist. Zusammen mit der Kölner Künstlerin und Fotografin Anna E. Stärk zeigt sie Bilder, die in einem gemeinsamen Schaffensprozess entstanden sind. Der Brühler Bilderbogen hat die beiden Künstlerinnen besucht.

„Kunst muss sein” steht auf der Fahne, die vor der Eingangstür zur „Creativen Werkstatt” von Christine Wagner hängt. Das Motto ist Programm. Hier in einer alten Scheune arbeitet die Bildhauerin an ihren Werken aus Speckstein. Und hier malt sie auch. Im vergangenen Jahr hat sie zusammen mit Anna Stärk die ersten gemeinsamen Bilder gemalt. Einmal wöchentlich haben sich die beiden Künstlerinnen getroffen, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. „Wir haben uns kein Thema gegeben, das grenzt nur ein”, erzählt Christine Wagner.

Ihre „Kunst ohne Gedanken” entsteht aus dem Moment heraus. „Man muss sich beim Malen immer wieder neu auf das einstellen, was die andere gerade gemalt hat”, sagt Anna Stärk. „Das ist eine Herausforderung, die aber auch sehr viel Energie freisetzt.” So läuft und entwickelt sich das gemeinsame Projekt immer weiter. „Und das funktioniert auch nur in der Malerei”, findet Christine Wagner. „Wir arbeiten sehr spontan und im stetigen Wechsel. Manche Bilder waren nach wenigen Stunden fertig.”
Die beiden Freundinnen sehen in dem gegenseitigen Vertrauen die Grundlage für die gemeinsame Malerei. Seit über 30 Jahren kennen sie sich, seit gemeinsamen Tagen in der Galerie am Kölner Buttermarkt. Doch zusammen gearbeitet haben sie vorher nicht, wohl aber schon viel zusammen erlebt. Der Zufall wollte es, dass die beiden Künstlerinnen im Jahr 1997 unabhängig von einander und in unterschiedlichen Disziplinen den internationalen Kunstpreis von Moskau gewonnen haben. Christine Wagner in der Sparte Bildhauerei, Anna Stärk für ihre Fotografien. „Wir haben uns damals gar nicht so großartig um den Preis bemüht”, erinnert sich Anna Stärk. „Dann wurden wir unter 23 Einsendern ausgewählt und nach Moskau eingeladen. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Besonders die Fröhlichkeit der Menschen in der russischen Hauptstadt hat uns beeindruckt.”

„Umdenken und Loslassen”
Beide Künstlerinnen stellen regelmäßig aus, jetzt kann man ihre gemeinsamen Arbeiten in der „Creativen Werkstatt” bewundern. „Das zügige Abwechseln in unserer Vorgehensweise verhindert zu lange Denkpausen, in denen sich bestimmte Erwartungen und somit einengender Leistungsdruck aufbauen könnten. Es erfordert spontanes Umdenken und Loslassen eigener Vorstellungen; es ermöglicht un-mittelbares Hervordrängen innerster kreativer Kräfte”, erklärt Anna Stärk. „Diese Herausforderungen erzeugen während unseres Schaffensprozesses eine ungeheure Freude in uns. Sie bringen uns manches Mal zum Lachen und Staunen.” In diesem kreativen Prozess gibt es auch Phasen von mediativer Ernsthaftigkeit und stiller Betrachtung des gemeinsamen Werkes und des von der jeweils anderen weiterentwickelten Zwischenschritts. „In solchen Phasen kommunizieren wir ausschließlich über die Leinwand”, ergänzt Christine Wagner, die 1958 in Brühl geboren wurde. Vor 35 Jahren begann sie künstlerisch tätig zu werden. Vor allem die Bildhauerei faszinierte sie dermaßen, dass sie das Fach und darüber hinaus auch Kulturpädagogik an der Alanus-Hochschule in Alfter erfolgreich studierte. 1999 eröffnete sie die „Creative Werkstatt” in einer alten Scheune in Schwadorf, die sie in mühevoller Kleinarbeit zu dem machte, was sie heute ist: eine wunderbare Ausstellungsstätte, in der sie auch regelmäßig Kurse gibt.

„Ich kenne Anna Stärk inzwischen seit über 30 Jahren. Unser beidseitiges Interesse an Kunst basierte und verfestigte sich schon ganz am Anfang unserer Begegnung in einer gemeinsamen Galeriearbeit”, erzählt Christine Wagner, die früher auch Dozentin an der Kunst- und Musikschule der Stadt Brühl war. „Zahlreiche Einzelausstellungen einer jeden von uns haben den Kontakt zwischen uns nicht abbrechen lassen.”

Auch Anna Stärk eröffnete ihr eigenes Atelier, auch um anderen Menschen Raum und Gelegenheit zu geben, dort künstlerisch zu arbeiten. Über 40 Jahre ist das her, zunächst war es eine „Malwerkstatt für Kinder”. Längst haben aber auch Erwachsene die Gelegenheit, dort ihre ganz persönliche Kreativität zu entwickeln. „Gemeinsam war uns immer die drängende Erkenntnis der Notwendigkeit von Kunst in unserem Leben”, sagt die Brühlerin. „Das hat uns schließlich auch ermutigt, Gemeinsames zu schaffen. Und beide teilen wir schon immer die Auffassung: Kunst muss sein!”



Bunte, großformatige Bilder
So haben die beiden Frauen viel Zeit miteinander verbracht und sich künstlerisch in ihren bunten, abstrakten und großformatigen Bildern, denen sie keine Namen gegeben haben, „ausgetobt”. „Wir arbeiten abwechselnd am selben Bild. Der Spaß und die Neugierde auf und die Freude über das gemeinsame Schaffen sind so stark und ausschließlich, dass sie keinen Platz für negative oder ich-bezogene Einflüsse lassen”, weiß Anna Stärk. „Sie sind der Antrieb für energiegeladene und spannende Auseinandersetzungen im gemeinsamen kreativen Schaffen.” Diese positiven Emotionen des Schaffensprozesses sieht man den Bildern auch an.
Anna Stärk wurde 1948 in Köln geboren, wo sie auch arbeitet und lebt. Ein weiterer Schwerpunkt ihres mehrfach ausgezeichneten künstlerischen Schaffens neben der Malerei ist die Fotografie. In der „Creativen Werkstatt” sind derzeit auch zahlreiche beeindruckende Fotos von Anna Stärk ausgestellt. In ihren Bildern hält sie Alltagssituationen von Menschen auf der ganzen Welt fest. Zu sehen sind fesselnde Porträts, großformatig und häufig in schwarzweiß. Sie fotografiert analog und verzichtet auf eine nachträgliche Bildbearbeitung.

Die Ausstellung „Zwei Künstlerinnen – ein Schaffensprozess” ist noch den ganzen Juni geöffnet. Wer sich dafür interessiert, kann sie sich freitags von 15 bis 18 Uhr oder nach vorheriger telefonischer Vereinbarung unter 02232-13332 oder 0170-8272626 besichtigen.

Tobias Gonscherowski