Jahrgang 2018
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„Wir wollen zwei Welten zusammenbringen”
Es tut sich etwas in Brühl-Ost. Auf dem Gewerbegebiet an der Bergerstraße entsteht derzeit in rasantem Tempo die neue Sporthalle des Vereins „KAHRAMANLAR – Die Brühler Helden”. Der Rohbau soll Ende Oktober stehen, die gesamte Halle im April des kommendes Jahres fertig gestellt sein. Der Brühler Bilderbogen hat sich mit dem Vorsitzenden Fatih Türk unterhalten.

Die guten Nachrichten rund um die Brühler Helden reißen nicht ab. Erst vor wenigen Wochen wurde der Sport- und Bildungsschule Kahramanlar erneut der Integrationspreis des Integrationsrats der Stadt Brühl verliehen. „Mit dem Integrationspreis werden Projekte, Initiativen, sowie das Engagement von Brühler Bürgerinnen und Bürgern ausgezeichnet, die sich auf vielfältige Weise mit der Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern befassen oder diese besonders fördern”, schreibt die Stadt Brühl auf ihrer Internetpräsenz.

Konkret erhielten die Brühler Helden den Preis für das Projekt „Schwimmen“. Die Vorsitzende des Integrationsrates, Vida Rashid, hob die Bedeutung des Schwimmens im Alltag und auch im schulischen Bereich hervor. „Kinder, die im Grundschulalter nicht schwimmen können, werden dann zu Außenseitern, wenn Schwimmen Pflichtsportfach wird. Das muss verhindert werden und da trägt das Projekt in erheblichem Maße zu bei.“

Solche Worte und Preise nimmt Fatih Türk gerne entgegene. Seit zwölf Jahren gibt es den von ihm, seinem Bruder Murat und einigen Mitstreitern gegründeten Verein „Sport- und Bildungsschule Kahramanlar – Die Brühler Helden”. „Ich bin in der Jordanstraße aufgewachsen und habe später viele Migrantenkinder gesehen, die sich in allen möglichen Sprachen, aber kaum auf deutsch unterhalten haben”, erzählt der 33-Jährige. „Mit dem Verein wollten wir einen Beitrag leisten, dass die Kinder deutsch lernen und integriert werden." Das ist eindrucksvoll gelungen.

Fatih Türk ist nicht nur der Vorsitzende des Vereins, sondern u.a. auch Taekwondo-Meister 4. DAN, Ausbilder Schwimmen, Übungsleiter C-Breitensport und Übungsleiter B-Sport in der Prävention und Rehabilitation. Sein persönlicher Werdegang ist ein Musterbeispiel für eine perfekt gelungene Integration.

Alle Kinder sind gleich
Der 33-Jährige wuchs in Brühl-Ost auf und interessierte sich schon früh für einen handwerklichen Beruf. Er absolvierte bei den Stadtwerken Brühl eine Ausbildung zum Energieanlagen-Elektroniker. Parallel dazu besuchte er die Abendschule und erlangte erst seine Fachhochschulreife und später seinen Elektromeister. Im Jahr 2010 wechselte er zu den Stadtwerken Pulheim, er bestand zusätzliche Prüfungen zum technischen Betriebswirt und Elektroingenieur. Inzwischen arbeitet er als Projektmanager bei der RheinEnergie. „Ich habe elf Jahre lang die Abendschule besucht und möchte andere motivieren, auch den zweiten Bildungsweg zu nutzen”, sagt Fatih Türk, der Mitglied der SPD ist und als sachkundiger Bürger im Sportausschuss sitzt.

Als Vereinsvorsitzender ist sein oberstes Ziel, dass die Kinder von der Straße wegkommen, sinnvolle Dinge tun und keine Drogen nehmen. „Wir wollen die Kinder und Jugendlichen integrieren, wir wollen, dass sie deutsch lernen und professionell Sport treiben können. Und wir wollen, dass sie selbstbewusst und erfolgreich werden.” Ganz wichtig ist ihm auch, dass alle Kinder und Jugendlichen begreifen, dass sie alle gleich sind, ganz egal, aus welchen Schichten sie stammen, welche Bildung sie haben und welcher Herkunft sie sind. Sie sollen sich gegenseitig unterstützen und helfen.

„Es ist toll, wenn dabei Freundschaften entstehen und wenn ein Gymnasiast einem Hauptschüler hilft”, freut sich Fatih Türk über positive Beispiele, die er in den letzten Jahren erlebt hat. Seit über zehn Jahren gibt es den Verein nun. Der für deutsche Ohren etwas sperrige Name „Kahramanlar” ist bewusst ausgewählt worden und bis heute geblieben. Kahramanlar bedeutet übersetzt „Helden” und ist bis weit hinein in den Orient den Menschen ein Begriff.

„Wegen dieses exotischen Names haben wir schon viele Menschen mit türkischen, pakistanischen, afghanischen und sogar indischen Wurzeln erreicht, die bei einem normalen deutschen Vereinsnamen nicht zu uns gefunden hätten”, sagt Fatih Türk. „Wir wollen zwei Welten zusammenbringen.” Das Logo erinnert ein wenig an das „Superman-Logo”, der Begriff Held soll ein Ansporn sein.

Großes Angebot
Die soziale Kompente spielt eine große Rolle. Kürzlich haben die Brühler Helden eine komplette fünfköpfige Familie aus Afghanistan aufgenommen. „Die Mutter macht bei uns Aerobic, der Vater besucht einen Reha-Kurs, der älteste Sohn spielt Basketball, die Tochter tanzt und der Kleinste versucht sich im Kickboxen”, erzählt Fatih Türk. „Sie sind schon im Karnevalszug mitgegangen, der älteste Sohn spricht sehr gut deutsch und macht gerade seinen Trainerschein.”

An dieser Familie lässt sich besonders gut ablesen, wie vielfältig das Angebot der Sport- und Bildungsschule Kahramanlar ist. Es gibt die Abteilungen Basketball für Mädchen, Aerobic für Frauen, Rehasport, die Kampfsportarten Tae-Kwon-Do und Kickboxen, Schwimmen, Tanzen, Gitarre/Saz, Nachhilfe, Schulische Kopperationen und Flüchtlingsarbeit sowie eine individuelle Familienberatung. Auch Selbstverteidigungskurse gehören zum Portfolio.

Viele Kurse leitet Fatih Türk selbst, andere werden ebenfalls von Fachleuten gegeben. Vier der sechs Lehrer, die Nachhilfe geben, haben übrigens auch keinen Migrationshintergrund. Das zeigt auch, dass der Verein von vielen Deutschen angenommen wird. Der vollkommen unpolitische Verein mit rund 400 Mitgliedern aus 17 Nationen hat bereits etliche Preise gewonnen. Er wurde Stützpunktverein des Landessportbunds und auch vom Bündnis für Demokratie und Toleranz als vorbildlich eingestuft.

Sporthalle mit 1.000 Quadratmetern
Trotz all der Auszeichnungen war es für Fatih Türk und den Verein nicht einfach, den lang gehegten Traum einer eigenen Sporthalle zu verwirklichen. Die finanziellen Fragen waren schnell geklärt, die Förderung war rasch bewilligt. Doch es dauerte einige Zeit und bedurfte zäher Verhandlungen, bis auch die Brühler Politiker überzeugt waren, dem Verein in Brühl-Ost ein Grundstück zum Bau einer eigenen Halle zur Verfügung zu stellen.

Jetzt aber laufen die Arbeiten auf Hochtouren. Die Halle wird eine Fläche von 1.000 Quadratmetern haben. Die Hälfte davon wird für die Trainingshalle benötigt. Sie wird komplett mit Kampfsportmatten ausgelegt und ist vor allem für das Training der Tae-Kwon-Do-Sportler und Kickboxer gedacht. Weiterhin gibt es zwei größere Räume für Reha- und Präventionsssport und Aerobic, einen Raum für Nachhilfe, einen größeren Zuschauer- und Warteraum sowie Umkleiden, Duschen und ein Büro. Wenn die Halle fertig gestellt sein wird, wird sie auch künftig von einigen Brühler Schulen vormittags für den Schulsport genutzt.

Fatih Türk und seine Vorstandskollegen können stolz auf das Erreichte sein. Die Brühler Helden sind anerkannt für ihre vorbildliche Vereinsarbeit. Transparenz wird vorgelebt, die Türen sind für alle offen. Viele Abteilungen beteiligen sich auch bei Veranstaltungen wie „Vochem ist Kult” oder anderen. Keine Frage: Die Sport- und Bildungsschule Kahramanlar – Die Brühler Helden ist ein Glücksfall für die Schlossstadt.

Tobias Gonscherowski