Jahrgang 2006
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Da ich von robuster Konstitution war, habe ich ohne großen Schaden die Qualen des Unterrichts und die schrecklichen Absurditäten der wilhelminischen Erziehung über mich ergehen lassen, bis zum abschließenden Abitur. Schon auf der Schule waren mir Pflichten verhaßt. Allein der Ton des Wortes Pflicht” hat mir Schrecken und Abscheu eingeflößt. Dagegen haben mich das Wertlose, die flüchtigen Vergnügen, das Schwindelgefühl, die kurz dauernde Wollust, revoltierende oder großsprecherische Dichtung, Berichte von wirklichen oder eingebildeten Reisen und all das, was unsere Moralprofessoren eitlen Wahn” und unsere Theologieprofessoren die drei Quellen des Bösen (Augenlust, Fleischeslust und Eitelkeit des Lebens)” nannten, unwiderstehlich angezogen. So habe ich schon von der Wiege an meine Pflichten” vernachlässigt, um mich den drei Quellen des Bösen hinzugeben. Unter ihnen herrschte die Lust zu sehen vor: Sehen war meine erste und liebste Beschäftigung. Meine Augen hungerten nicht nur nach der erstaunlichen Welt, die sie von außen ansprang, sondern auch nach dieser anderen geheimnisvollen und beunruhigenden Welt, die in meinen Jünglingsträumen beharrlich und regelmäßig auftauchte und verschwand.“
 
Zum 65. Geburtstag von Max Ernst veröffentlicht die französische Kunstzeitschrift L’Œil” im April 1956 der Text Rheinische Erinnerungen”, in dem er mit diesen Ausführungen seine Schulzeit in Brühl umschreibt und sie gleichzeitig mit seiner Profession als Künstler verknüpft. Knapper, ausgewogener und in den Angaben zu den schulischen Einrichtungen präzise formuliert er sechs Jahre später in seinen biographischen Notizen: Ohne Schaden zu leiden an seiner Seele übersteht Max die Wonnen und Greuel der wilhelminischen Erziehungsmethoden in der Seminar-Übungsschule zu Brühl und im Städtischen Gymnasium; ebendort.“
 
Max Ernst erhielt die Note gut”
 
Am 11. März 1910 wird ihm das Abiturzeugnis ausgestellt, dessen erste Seite hier zu sehen ist, während die beiden folgenden Seiten der archivierten Abschrift als Leihgabe des Gymnasiums im Max Ernst Museum aufgeschlagen sind. Das städtische Gymnasium geht aus dem in der Comesstraße gelegenen Progymnasium hervor; 1902 wird der Neubau in der Friedrichstraße eingeweiht. Im Schuljahr 1909/10 besuchen 268 Schüler das Gymnasium, davon sind 107 aus Brühl; das Schulgeld beträgt für sie 130 Mark. Der damalige Direktor ist Dr. Martin Mertens, der zusammen mit den Oberlehrern Prof. Josef Müller, Prof. Eugen Kösters, Paul Lenkewitz und Prof. Wilhelm Oberle sowie dem Probekandidat Dr. Joseph Heinrichs das Zeugnis unterschrieben hat. Das Lehrerkollegium stellt Max Ernst durchweg die Note gut” aus, lediglich an dem wahlfreien Unterricht in Hebräisch” und Zeichnen” nimmt er nicht teil. Details zu den einzelnen Fächern hat Wolfgang Drösser aus den Jahresberichten notiert: Eugen Kösters ist der Klassenlehrer der Oberprima. Seine Fächer sind Latein und Deutsch, wobei Texte von Horaz, Ovid und Vergil behandelt werden und das Thema des Abiturprüfungsaufsatzes Welchen Gewinn brachte Goethe sein Aufenthalt in Italien? Nach Goethes Italienische Reise“ lautet. Das Fach Grie-chisch vermittelt Wilhelm Oberle; Paul Lenkewitz ist der Lehrer für die modernen Fremdsprachen Französisch und Englisch; in Mathematik und Physik wird die Abiturklasse von Leo van Vliet unterrichtet und der Gymnasialdirektor Martin Mertens ist der Geschichtslehrer. Sein Sohn Heinrich gehört neben Max Ernst zu den 15 Abiturienten des Jahrgangs 1910. Philipp Ernst hat nach dem Ersten Weltkrieg zwei Erinnerungsporträts des Geheimrates angefertigt. Während sich das eine Bildnis heute im Max-Ernst-Gymnasium befindet, ist das andere, fast identische und hier abgebildete Gemälde im Besitz des Enkels von Martin und Caroline Mertens.
 
Dr. Jürgen Pech