Jahrgang 2008
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„SPD wird ihren Bürgermeisterkandidaten rechtzeitig benennen“

In diesen Tagen feiert die Brühler SPD ihr 100-jähriges Bestehen. Das stolze Jubiläum wird in vielfältiger Weise feierlich begangen. Neben dem Festakt im Dorothea-Tanning-Saal des Max Ernst Museums findet auch seit dem 15. Januar im Kreuzgang des Brühler Rathauses eine Ausstellung der SPD-Fraktion statt, in der die 100-jährige Geschichte in Texten und Bildern dokumentiert wird. Sie läuft noch bis zum 29. Januar. Der Brühler Bilderbogen traf Michael Müller, den Vorsitzenden des Brühler Ortsvereins mit seinen rund 330 Mitgliedern, zum Gespräch.

BBB: Herr Müller, wie kam es dazu, dass in Brühl vor 100 Jahren die SPD gegründet wurde?

Michael Müller: Vor 100 Jahren beschlossen eine Handvoll Arbeiter, vornehmlich in der Brühler Glashütte beschäftigt, in Brühl einen eigenen Ortsverein der SPD zu gründen, um die Brühler Arbeiterschaft um sich zu scharen und gemeinsam gegen die Diskriminierung der Arbeiter insbesondere wegen des Dreiklassenwahlrechtes, das ihnen weniger Stimmrechte zugestand als den „Reichen“, zu protestieren. Da die SPD in den hiesigen bürgerlichen Kreisen mit Missgunst beäugt wurde, tarnte man sich als Männergesangsverein, um öffentlich unbehelligt auftreten zu können. Der Zustrom war zunächst verhalten, nach Ende des ersten Weltkrieges aber ermutigend. Auch Frauennachmittage erfreuten sich großen Zuspruchs. In den Zwanzigern konnte der Saal Neffgen die Zahle der Frauen kaum aufnehmen, die zu den Nachmittagen erschienen. Auch andere „Sportgruppen“ wurden von der SPD gegründet wie die Faltbootfreunde, um unbeobachtet für die politischen Ziele zu werben. Die Nazis machten dem „sozialistischen“ Treiben ein Ende; auch Brühler SPD-ler wurden inhaftiert.

 

BBB: Wie ging es nach dem Krieg weiter?

Müller: Schon im August 1945 gründete sich die Brühler SPD erneut und ist seit dieser Zeit ein fester Bestandteil in der Brühler Stadtgeschichte. Mehrheiten waren allerdings auf Grund der bürgerlichen Struktur der Stadt zunächst nicht erreichbar. Politische Anträge in der Hoffnung, hierfür im Rat eine Mehrheit zu erhalten, waren das langjährige Rezept der SPD. Dies gelang sogar in Einzelfällen. 1969 wurde mit Wilbert Hans ein Sozialdemokrat Bürgermeister, getragen von einer SPD/FDP-Koalition, die aber ansonsten in Sachfragen keine Vereinbarung hatte. 1976 spaltete sich ein Teil der SPD-Ratsmitglieder infolge sachlicher Unvereinbarkeiten von der SPD ab, wodurch die Wiederwahl von Wilbert Hans in 1979 scheiterte. Erst 1994 gelang es der SPD in einer Koalition mit den Grünen, die Ratsmehrheit zu erlangen und Irene Westphal als erste Frau zur Bürgermeisterin zu wählen. Sie wurde 1996 durch den ersten Hauptamtlichen Bürgermeister der SPD, Willi Mengel, abgelöst.

 

BBB: Kommen wir zur Tagespolitik. Wo sehen Sie in der gegenwärtigen Brühler Lokalpolitik den größten Handlungsbedarf?

Müller: Gesellschaftspolitisch gibt es zwei Themen, bei der auf kommunaler Ebene gehandelt werden muss. Das ist zum einen der Ausbau der Ganztagsbetreuung für Kinder vom frühen Lebensalter bis zum Schulabschluss, auch, um Kindern und Jugendlichen gleiche Chancen zu ermöglichen, wenn das Elternhaus hierzu nicht in der Lage ist. Zum anderen brauchen wir ein neues Verständnis für die älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger, deren Zahl immer größer wird und deren Leistungsbereitschaft sehr groß ist, aber ungenutzt bleibt. Projekte des Zusammenwohnens von Jung und Alt und Einsatz der SeniorInnen im sozialen und karitativen Bereich sollten gefördert werden.

 

BBB: Welche Entwicklungen in Brühl gefallen Ihnen nicht, und wie kann die Politik darauf reagieren?

Müller: Eigentlich gefällt mir in Brühl sehr viel. Problematisch ist, dass der traditionelle Einzelhandel immer mehr zurückgedrängt wird zu Gunsten von Ketten und Billigläden. Die Politik kann da allerdings wenig tun, da der Mietpreis der Ladenflächen von den Eigentümern bestimmt wird und in Brühl partiell unangemessen ist. Mir gefällt auch nicht, dass die Vororte heute keine Grundversorgung für ihre Bewohner mehr bieten können. Allerdings liegt es auch an uns als Konsumenten, da wir selten bereit sind, höhere Preise für Produkte zu zahlen, die noch von „Tante Emma“ selbst über die Theke gereicht werden. Offensichtlich lieben wir es, dass überall in Deutschland an gleicher Stelle im gleichen Regal das gleich schmeckende Produkt zu möglichst billigen Preisen erworben werden kann.

 

BBB: Im nächsten Jahr stehen wieder Kommunalwahlen an. Wann wird die SPD ihren Bürgermeisterkandidaten benennen? Stehen Sie als Kandidat zur Verfügung?

Müller: Die SPD wird ihren Bürgermeisterkandidaten so rechtzeitig benennen, dass jeder Wähler eine Chance findet, einen natürlich positiven Eindruck von der Person zu gewinnen. Ich selbst war über 20 Jahre im Rat der Stadt und beruflich zuletzt an leitender Stellung in der Bundesregierung tätig. Jetzt sind Jüngere dran, die von mir und der Partei alle Unterstützung bekommen werden.


 

Zur Person

Michael Müller ist 61 Jahre alt, verheiratet, Vater von zwei inzwischen verheirateten Töchtern und zweifacher Großvater. Der Diplom-Volkswirt war Regierungsbeamter im Bundesministerium für Wirtschaft, zuletzt Ministerialdirektor, also politischer Beamter, und wurde 2006 in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Seit 1972 ist Michael Mitglied der SPD, seit Mai 2004 Vorsitzender des Brühler SPD-Ortsvereins.