Jahrgang 2006
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"Wir helfen den Kindern, positiv ins Leben zu gehen"

Manchmal erzielt eine einfache, direkt gestellte Frage eine große Wirkung. Sie bringt die ganze komplexe Problematik mit nur fünf Worten auf den Punkt. "Wann hast Du wieder Dienst?" lautete diese simple Frage, die Ursula und Bernhard Schumacher vor einigen Jahren immer öfter beantworten mussten und die ihnen schließlich die Augen öffnete. Gestellt hatte sie ihnen ein vierjähriges Mädchen aus einem Kölner Kinderheim, in dem die beiden Pädagogen arbeiteten.


 
"Wann hast Du wieder Dienst?" zeigt das Dilemma auf, das der Schichtdienst in einem herkömmlichen Kinderheim mit sich bringt. So engagiert die Erzieher in den Jugendhilfeeinrichtungen auch sind, sie können die Kindern dort wegen der wechselnden Schichten, der vielen bürokratischen Vorgaben und der behördlichen Dienstwege nicht optimal betreuen und eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen nur äußerst selten aufbauen.
 
Ursula und Bernhard Schumacher haben das erkannt und ihre Konsequenzen daraus gezogen. 1998 gründeten sie das Schumaneck-Kinderhaus in Brühl, das in der Ludwig-Jahn-Straße 16 beheimatet ist. Das Haus entspricht so gar nicht den Vorstellungen, die man von einem Kinderhaus haben könnte. Es ist kein übersichtliches Gebäude mit einem langen Flur und abzweigenden Zimmern, sondern ein verwinkeltes mehrstöckiges Haus mit vier Ebenen und vierzehn Räumen, die über verschiedene Wege und Treppen miteinander verbunden sind. Der Blick von außen lässt bewusst die Größe des umbauten Raums nicht erkennen. Das Leben findet auf über 330 qm statt und wird durch einen Garten mit Schwimmbecken ergänzt. Der Vater von Ursula Schumacher hat es vor Jahren gebaut, abbezahlt und seiner Tochter vererbt. Kurzum, das Haus eignet sich ideal für ein Kinderhaus.
 
Hier leben die Eheleute Schumacher derzeit zusammen mit acht Kindern im Alter zwischen zwei und fünfzehn Jahren unter einem Dach. Und das nicht wie früher stundenweise im Schichtdienst, sondern tagtäglich 24 Stunden in einem familien-ähnlichen Rahmen. "Wir haben ja gesehen, wieviel Energie wir früher für andere Sachen aufbringen mussten, wieviel der Verwaltungsanteil der Arbeit ausgemacht hat", erinnert sich Ursula Schumacher. "Dann haben wir uns gefragt, wie können wir das für uns verändern und kamen auf die Idee des Kinderhauses."
 
Die Kinder werden ihnen über das Jugendamt vermittelt und als Leistungsempfänger vom Jugendamt finanziert. Sie bleiben in der Regel zwei bis vier Jahre im Schumaneck. "Ziel aller Maßnahmen ist die Stabilisierung der Herkunftsfamilie", erklärt Bernhard Schumacher. Das bedeutet, dass die Kinder so lange wie nötig im Kinderhaus bleiben, so lange, bis sich die Verhältnisse in ihrer ursprünglichen Familie, ihrer Herkunftsfamilie, wieder soweit normalisiert haben, dass eine Rückkehr zu den Eltern möglich ist. Manchmal geht das schneller, oft dauert es Jahre, gelegentlich ist eine Rückführung gar nicht mehr möglich.
 
Modell einer intakten Familie
 
"Die meisten Kinder haben eine lange Vorgeschichte. Sie sind Opfer der Umstände und haben selber nichts verschuldet. Diese Kinder haben Besonderheiten, Erlebnisse und Erinnerungen, nicht immer glücklich, manche sogar schmerzhaft und unfassbar", sagt Bernd Schumacher. "Unsere Aufgabe ist, ihnen dabei zu helfen, mit den Erfahrungen klar zu kommen und positiv ins Leben zu gehen. Wir können ihnen die Besonderheiten, Erlebnisse und Erinnerungen nicht nehmen. Aber die Kinder müssen später mit ihnen leben und nicht unter ihnen."
 
Die bei Schumaneck untergebrachten Kinder und Jugendliche brauchen Aufmerksamkeit und Respekt. Sie erhalten das Modell einer intakten Familie und können hieraus eigene Modelle ableiten und lernen, Beziehungen zu gestalten. "Durch das tägliche Zusammenleben entsteht ein vom Schichtdienst befreites permanentes und konsequent pädagogisches Handeln, das sich schnell und flexibel auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ausrichten kann", meint Ursula Schumacher. "Durch die direkte Rückmeldung an Jugendamt, Herkunftsfamilie und anderer an der Hilfeplanung beteiligter Personen entsteht ein Hilfeplanprozess, der eng mit den Kindern abgestimmt ist."
 
Das Beispiel des heute 17-jährigen Tim (Name von der Redaktion geändert) verdeutlicht die Ausführungen. Er war noch vor 18 Monaten in einer größeren Einrichtung untergebracht und lebte in einer reinen Jungengruppe, die von Frauen betreut wurde. Er bekam Probleme, schwänzte die Schule, nahm Tabletten, lief davon und landete schließlich in der Psychiatrie. "Eigentlich war er schon in einem Alter, in dem wir ihn bei seiner Vorgeschichte nicht genommen hätten", berichtet Bernd Schumacher. "Wir haben uns dann aber doch getroffen und zusammen ein Programm und klare Regeln aufgestellt. Dazu gehörten: der regelmäßige Schulbesuch, Finger weg von Tabletten und nicht mehr Abhauen. Wichtig war aber, dass Tim das auch wollte." Es hat funktioniert. Tim hat sich an die Regeln gehalten und wird nicht mehr ausgegrenzt. Heute sieht es so aus, dass Tim seinen Hauptschulabschluss schaffen und danach versuchen wird, sich seinen Berufswunsch zu erfüllen. Tim will später Busfahrer werden.
 
Auch die siebenjährige Nathalie (Name ebenfalls von der Redaktion geändert) blüht langsam auf. Sie musste mit vier Jahren den gewaltsamen Tod eines Elternteils mitansehen und wurde danach erst in ein Kinderheim, später dann in ein Pflegeheim abgeschoben. Sie war völlig entwurzelt und fand keinen Halt bis sie ins Schumaneck kam. "Bei ihr sehen wir, dass die Macht der Pädagogen begrenzt ist", meint Ursula Schumacher. "Sie macht eine Therapie. Aber trotz der seelischen Belastung muss sie versuchen, mit der Welt, die sie bisher so enttäuschte, zurecht zu kommen und den Start ins Leben zu meistern."
 
Im Schumaneck-Kinderhaus sollen alle Kinder lernen, ein normales Leben zu führen. Sie besuchen vormittags die Schule, erledigen nach dem Mittagessen die Hausaufgaben und singen dann im Chor mit, bekommen Musikunterricht in den städtischen und privaten Musikschulen, spielen Handball im BTV, nehmen Ballettstunden oder gehen zur Therapie. Die Feste wie Weihnachten oder Ostern werden zusammen groß gefeiert, Geburtstage sowieso. Einmal im Jahr geht's auch in den Sommerferien auf große Reisen, in diesem Jahr nach Südfrankreich zum Campingurlaub.
 
Wenn alles optimal verläuft, kommt auch irgendwann die Stunde des Abschieds. Dann verlassen sie ihre "Gastfamilie", um wieder bei den leiblichen Eltern oder bei Verwandten zu wohnen. "Wir sind dann in der Lage, diesen Prozess, der sicher nicht leicht fällt, positiv zu gestalten", sagt Ursula Schumacher. Seit 1979 übt die gebürtige Brühlerin Erzieherin und Heilpädagogin ihren Beruf bereits aus. Die 47-Jährige lernte ihren sieben Jahre jüngeren Mann in einem Kölner Kinderheim kennen, in dem beide als Erzieher arbeiteten. Bernhard Suchaneck wurde 1965 in Frankfurt/Main geboren und nahm nach der Hochzeit den Namen seiner Frau an. Die letzte Silbe seines Namens taucht im Namen des Kinderhauses auf, das sich aus Schumacher und Suchaneck im Wort "Schumaneck" zusammensetzt.


 
Spenden jederzeit willkommen
 
Seit acht Jahren leiten sie das Kinderhaus gemeinsam in Form einer gemeinnützigen GmbH, der ein Fachbeirat angeschlossen ist. Die Aufgabe des Fachbeirates ist es, bei pädagogischen Prozessen im Kinderhaus beratend und begleitend ebenso tätig zu sein wie bei unternehmerischen Fragen. Dem Fachbeirat gehören die Autorin Jeannette Gräfin Beissel von Gmynich, der Rechtsanwalt Roland Möllers, die Werbekauffrau Juliane von Nerée Siefer, der Stadtkämmerer Dieter Freytag sowie Holger Steffens von der Kreissparkasse Köln an.
 
Im Laufe der Jahre haben die Eheleute Schumacher auch eine Vielzahl von Kontakten in Brühl und Umgebung geknüpft, die von großer Wichtigkeit für das Kinderhaus sind. So freut sich Bernhard Schumacher über die guten Beziehungen zu Unternehmen, die immer wieder Praktikums- und Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen und finanziell oder ideell helfen. Ohne finanzielle Zuwendungen oder Sachspenden, die immer willkommen sind, ließe sich die hohe Qualität der pädagogischen Arbeit und der derzeitige Lebensstandard kaum realisieren.
 
"Wie fast überall dreht sich auch bei uns ein Großteil der Arbeit ums liebe Geld", sagt Bernd Schumacher. "Extraleistungen kann die öffentliche Hand nicht mehr finanzieren. Da sind wir auf Spenden angewiesen, wenn es um Spielsachen, Ferien- oder Freizeitangebote geht, wenn Geräte oder Fahrzeuge repariert werden müssen oder wenn Neuanschaffungen anstehen. Wir sind da vielen Brühler Unternehmen sehr dankbar." Wer auch helfen oder spenden möchte, findet weitere Informationen über das Schumaneck Kinderhaus und die Kontaktdaten im Internet unter www.schumaneck.de.
 
Tobias Gonscherowski